Nach dem Unfall: was in der ersten halben Stunde zählt
Ob Sie die Polizei rufen müssen, hängt in Österreich an einer einzigen Frage: Konnten Sie und der Unfallgegner einander Namen und Anschrift nachweisen?
Ein Grad Abweichung an der Frontkamera bedeutet auf hundert Metern 1,75 Meter daneben. Deshalb ist die Kalibrierung nach einem Scheibentausch keine Zusatzleistung, sondern Teil der Reparatur.

Kurz gesagt: Nach einem Windschutzscheibentausch verlangen die Hersteller bei rund 98 Prozent der Fahrzeuge eine Neukalibrierung der Fahrerassistenzsysteme. Der Grund ist die Frontkamera, die hinter der Scheibe am Innenspiegelfuß sitzt: Schon ein Grad Abweichung ergibt auf hundert Metern Fahrstrecke 1,75 Meter Versatz. Notbremsassistent und Spurhalteassistent arbeiten dann falsch oder steigen unangekündigt aus. Für Werkstätten ist die Kalibrierung außerdem eine Haftungsfrage — sie muss durchgeführt und nachweisbar dokumentiert werden.
Bei fast jedem Fahrzeug der letzten Jahre klebt am Innenspiegelfuß eine Kamera, die durch die Windschutzscheibe nach vorne blickt. Sie liefert die Bilddaten für eine ganze Reihe von Systemen: Spurhalte- und Spurverlassenswarner, Notbremsassistent mit Fußgängererkennung, Verkehrszeichenerkennung, Fernlichtassistent, teils auch die adaptive Geschwindigkeitsregelung im Zusammenspiel mit dem Radar im Stoßfänger.
Diese Kamera ist auf die Geometrie des Fahrzeugs eingemessen: Sie „weiß“, wo vorne ist, wie hoch sie über der Fahrbahn sitzt und in welchem Winkel sie schaut. Tauscht man die Scheibe, ändert sich diese Geometrie — der Kamerahalter sitzt minimal anders, die Scheibendicke und der Neigungswinkel können um Bruchteile abweichen, und die Kamera wird neu eingesetzt.
Die eindrücklichste Zahl zu diesem Thema stammt aus einem Fachvortrag vor dem Fuhrparkverband Austria: Ein Messunterschied von einem Grad ergibt auf 100 Metern Fahrstrecke eine Abweichung von 1,75 Metern.
1,75 Meter sind mehr als eine Fahrspurbreite Versatz. Praktisch heißt das: Der Notbremsassistent sieht das Fahrzeug in Ihrer Spur als Fahrzeug in der Nebenspur — oder umgekehrt. Der Spurhalteassistent lenkt an der falschen Stelle gegen. Auf kurvigen Strecken kann es dazu kommen, dass Assistenzsysteme unangekündigt aussteigen.
Das Tückische daran: Man merkt es nicht. Eine fehlkalibrierte Kamera wirft keine Fehlermeldung. Das Fahrzeug fährt normal, die Systeme sind aktiv, das Kombiinstrument zeigt nichts an — bis zu dem Moment, in dem der Assistent gebraucht würde. Genau deshalb ist die Kalibrierung nichts, worauf man verzichten kann, um sechzig Euro zu sparen.
Eine Kalibrierung ist kein Menüpunkt im Diagnosegerät. Sie setzt vier Dinge voraus:
Dazu kommt ein Detail, das gern übersehen wird: Auch der Regensensor muss nach dem Scheibentausch neu angelernt werden, weil sich der Tönungsgrad der neuen Scheibe minimal unterscheiden kann.
Man unterscheidet zwei Verfahren. Bei der statischen Kalibrierung steht das Fahrzeug in der Werkstatt vor einer exakt positionierten Zieltafel. Bei der dynamischen Kalibrierung wird das Fahrzeug unter definierten Bedingungen gefahren, damit die Kamera sich an klaren Fahrbahnmarkierungen einmisst. Viele Hersteller verlangen beides nacheinander.
Für Werkstätten ist das kein reines Technikthema. Die Grundlage ist die Pflicht zur sach- und fachgerechten Reparatur nach den Herstellervorgaben. Ein österreichischer Sachverständiger bringt in einem Branchenmedium den entscheidenden Punkt auf den Nenner: Betriebe müssen über die Gewährleistungsfrist hinweg beweisen können, dass die Kalibrierung durchgeführt wurde. Wer das nicht dokumentiert, hat im Streitfall ein Beweisproblem.
Dazu kommt der wachsende regulatorische Rahmen: Die europäische General Safety Regulation (Verordnung 2019/2144) schreibt Assistenzsysteme in mehreren Stufen verbindlich vor, mit erweiterten Anforderungen ab Juli 2026. Je mehr Systeme Pflicht sind, desto größer wird die Bedeutung ihrer korrekten Einstellung.
Wir stellen Ihnen deshalb nach jeder Kalibrierung einen Nachweis aus, den Sie zu den Fahrzeugpapieren legen können. Das ist Ihr Beleg gegenüber einem späteren Käufer, gegenüber der Versicherung — und gegenüber uns.
Der Scheibentausch ist der häufigste Anlass, aber nicht der einzige. Eine Kalibrierung ist auch fällig nach:
| Arbeit am Fahrzeug | Betroffenes System |
|---|---|
| Windschutzscheibe getauscht | Frontkamera, Regensensor |
| Stoßfänger vorne instand gesetzt oder getauscht | Radarsensor, Ultraschallsensoren |
| Achsvermessung, Fahrwerk verändert | Frontkamera und Radar, weil sich die Fahrzeuglage ändert |
| Kamera oder Sensor ausgebaut | das jeweilige System |
| Unfallinstandsetzung an der Front | meist mehrere Systeme |
Die dritte Zeile überrascht viele: Auch eine Achsvermessung oder eine Fahrwerksänderung kann eine Neukalibrierung nötig machen, weil sich die Lage des Fahrzeugs zur Fahrbahn ändert. Und nach einer Unfallinstandsetzung an der Front ist sie ohnehin Standard — siehe Unfall & Versicherung.
Hier bleiben wir ehrlich: In der Übersicht der zehn Prüfbereiche der §57a-Begutachtung ist kein eigener Prüfpunkt für Fahrerassistenzsysteme ausgewiesen. Wir haben aber auch keine ausdrückliche Quelle gefunden, die eine Prüfung ausschließt. Wir behaupten deshalb weder das eine noch das andere.
Praktisch spielt es ohnehin kaum eine Rolle: Wenn ein System einen Fehler im Speicher ablegt oder die Warnleuchte brennt, fällt das bei der Begutachtung auf. Und unabhängig vom Pickerl ist ein falsch eingestellter Notbremsassistent ein Sicherheitsproblem, kein Formalitätsproblem.
Bei uns läuft das in einem Durchgang: Scheibe tauschen, Kleber aushärten lassen, kalibrieren, Regensensor anlernen, Fehlerspeicher prüfen, Nachweis ausdrucken. Zur Leistungsseite: Fahrerassistenz-Kalibrierung.
Bei rund 98 Prozent der Fahrzeuge verlangen die Hersteller das. Ob Ihr Fahrzeug dazugehört, hängt davon ab, ob eine Frontkamera hinter der Scheibe verbaut ist — bei Fahrzeugen der letzten Jahre ist das die Regel.
In der Regel nicht. Eine Fehlkalibrierung erzeugt keine Warnmeldung. Das Fahrzeug fährt normal, und die Systeme wirken aktiv — sie reagieren nur an der falschen Stelle. Auffallen kann es dadurch, dass Assistenten auf kurvigen Strecken plötzlich aussteigen.
Bei der statischen Kalibrierung steht das Fahrzeug vor einer exakt positionierten Zieltafel in der Werkstatt. Bei der dynamischen wird es unter definierten Bedingungen gefahren, damit sich die Kamera an Fahrbahnmarkierungen einmisst. Viele Hersteller schreiben beides nacheinander vor.
In der Übersicht der zehn Prüfbereiche der §57a-Begutachtung ist kein eigener Prüfpunkt für Fahrerassistenzsysteme ausgewiesen. Eine Quelle, die eine Prüfung ausdrücklich ausschließt, haben wir aber ebenfalls nicht gefunden. Sicher ist: Ein hinterlegter Fehler oder eine brennende Warnleuchte fällt bei der Begutachtung auf.
Nach Arbeiten am vorderen Stoßfänger, nach dem Aus- und Einbau von Kamera oder Sensoren, nach einer Unfallinstandsetzung an der Front und teilweise nach einer Achsvermessung oder Fahrwerksänderung, weil sich dabei die Lage des Fahrzeugs zur Fahrbahn ändert.
Ob Sie die Polizei rufen müssen, hängt in Österreich an einer einzigen Frage: Konnten Sie und der Unfallgegner einander Namen und Anschrift nachweisen?
Bei einem fremdverschuldeten Schaden bekommen Sie von der gegnerischen Haftpflicht Geld, keine Reparatur — das ist der Kern der Sache. Beim eigenen Kaskovertrag kann es anders aussehen.
Die Kfz-Haftpflicht zahlt nie einen Schaden an Ihrem eigenen Auto. Alles darüber hinaus steht in der Kasko — und dort ist weniger automatisch enthalten, als die meisten annehmen.
Rufen Sie an. Wir sagen Ihnen ehrlich, was zu tun ist und was es kostet – bevor Sie herkommen.